Eigentlich erstaunlich, wie lange Seckenheim auf die Würdigung seines bedeutendsten photographischen Chronisten der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts gewartet hat.
Sigmund Lewin (1882-1959) hinterlässt eine beeindruckende Anzahl photographischer Arbeiten. Sein prosperierendes Atelier in der Offenburger Strasse 23 und seine Integration in der Seckenheimer Gemeinde schützt ihn allerdings nicht vor der Verfolgung und Verschleppung durch die staatlichen Organe Hitler- Deutschlands. Nach Berufsverbot und Ausgrenzung erfolgt 1938 die Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau, das er im Dezember 1938 wieder verlassen konnte. Im Februar 1945 erfolgt die Deportation nach Theresienstadt.

Fotos von S. Lewin sind auch in dieser Homepage zu sehen. Die auf der Startseite eingestellten historischen Aufnahmen stammen von ihm. Die Orginale werden überwiegend als Postkarten gestaltet.
Hansjörg Probst verwendet sie in seinen Büchern zur Seckenheimer Geschichte.
Das Heimatmuseum Seckenheim reproduziert ab 2002 Lewin-Fotos in Jahreskalendern.

 

geboren am 24. März 1882 zu Briesen, Ostpreußen

gestorben am 19. August 1959 in Seckenheim

 

Eltern: Louis Lewin und Julie (geb. Mayer)

Ehefrau: Johanna Barbara (geb. Brunner), geboren am 3. August 1878 zu Gundelsheim

kirchliche Trauung mit Taufe von Sigmund Lewin am 15. September 1912 in Heppenheim

 

Verhaftung am 10. November 1938: Am Tag nach der Reichsprogromnacht wird Sigmund Lewin zusammen mit anderen Seckenheimer Juden (darunter auch Arthur Bär) nach Dachau gebracht. Seine Freilassung erfolgt Ende 1938.

 

Deportation: Auf der "Teilnehmerliste des Transports XIII/6 vom
14. Februar 1945 aus Mannheim nach dem Konzentrationslager Theresienstadt findet sich unter der Zählnummer 29 "Lewin, Si(e)gmund, Mhm.-Seckenheim, Offenburger-Straße 23".

 

Rückkehr nach Seckenheim: Juni 1945

Bericht von Gerhard Lewin:

Tut mir leid, ein paar Fehler sind in mein kurzes gefühlsbetontes Schreiben eingedrungen!
Ich wollte mit diesen Zeilen ein wenig von den Eindrücken eines jungen - damals jungen - Kindes zum Ausdruck bringen. Ich selbst bin im Jahre 1960 mit 25 Jahren nach den USA ausgewandert.
Ich wollte denen gegenüber, die mein Leben retteten als Gegenleistung Gutes tun.
Als Photojournalist und Photograph wurde ich in diesem Land anerkannt, jedoch der Lockruf der Heimat wird niemals in mir entschwinden
Gerry Lewin März 2019

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Da, wo Sie an diesem Tag stehen werden, um meines Großvaters Sigmund Lewin zu gedenken, stand ich vor genau 74 Jahren an jenem Karfreitag, dem 30. März 1945 - einem Tag, den wir hier in meinem heutigen Land als Good Friday kennen.
Ja es war ein Guter Freitag - jedoch auch wehmütig.
Nach sechs langen Kriegsjahren dröhnten an diesem Morgen wieder einmal die Sirenen, die uns wie gewöhnlich zwangen, zum Schutz in unseren Keller zu flüchten.
Jedoch an diesem Morgen schien alles anders - es kam nicht das gewohnte Explodieren von fallenden Bomben - es klang geheimnisvoller, es war ein Rattern von Maschinengewehren und detonierenden Panzerfäusten, das vom Ufer des Neckars her zu uns in unser Dorf drang.
Was auch passieren sollte - der Gedanke, diesem Zeitpunkt in unserem Keller sitzend zu begegnen, war mir plötzlich unertragbar.

Zehnjährig und verbittert, dass mein Vater, Kurt Lewin - er war Halbjude - kurz zuvor sein Leben, als Soldat für Deutschland kämpfend, geopfert hatte - genauso wie 325 andere Seckenheimer - bestimmte mein Gemüt und meine Trauer.
Die Offenburger Straße war leblos. Kein anderer Mensch traute sich, heraus in diese Straße zu wagen.
Plötzlich sah ich sie - ich blinzelte erst heimlich dann doch gewagter von diesem unserem Einfahrtstor heraus.
Sie kamen vom Schloss her - einer nach dem anderen.
Wie graue Mäuse schlichen sie vorgekrümmt von einem Haus zum anderen. Oh ja - erst bei den Knodels vorbei - dann den Kreutzers, den Kettners und dann stand er vor mir - mein erster Amerikaner!
Ein kurzes Lächeln zwischen uns - ein Bewusstsein - ja, ich war wirklich frei, ich überlebte!

Ein paar Tage später ging ich bei den Weiden in Richtung Neckarhausen den Neckar entlang.
Da lagen sie - von der Frühjahrssonne aufgebläht, manche noch mit Panzerfäusten in ihren leblosen Händen, andere mit einem Gewehr neben sich.
So viele gaben so viel - sie gaben ihr Leben - sie gaben ihr Alles!

Der Tod macht keinen Unterschied ob Jude oder nicht!
Friedrich Schillers Ode erinnert und appelliert an uns:"Alle Menschen werden Brüder" ! Anne Frank schrieb aus Bergen-Belsen: "Trotz allem glaube ich immer noch, dass die Menschen tief in ihrem Herzen gut sind" !

Unsere Mutter, die als Arierin sich vielen Bemühungen meines Großvaters und auch anderer jüdischen Familien der Gestapo gegenüber annahm, betonte mir gegenüber:

"Ja, ich kann ihnen vergeben - aber ich kann nicht vergessen!"

 

Bericht zur Verlegung des Stolpersteins am 26.03.2019  

Bericht der Sonderausstellung des Heimatmuseum Seckenheim vom 28.04.2019

 


 

Die Intension und Hintergründe zur bundesweiten Künstleraktion der Stolpersteine wird bei Wikipedia beschrieben .

Zu Webseite des Projektes Stolpersteine geht es hier .

 


 

 

 

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